Wie kann es gelingen, den Ernst von Antisemitismus und die Begeisterung für deutsch-israelische Freundschaft in einer Veranstaltung zu verbinden? Rund 120 Gäste folgten der Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in Kassel zum traditionellen Neujahrsempfang am 5. Febr. im Regierungspräsidium Kassel. Der Vorsitzende der DIG Kassel, Boris Krüger, zeigte sich erfreut über die große Resonanz: „Es ist ein gutes Zeichen, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind.“ Gerade in der aktuellen Zeit sei es wichtiger denn je, zusammenzukommen und „Räume für eine faire Auseinandersetzung“ zu schaffen. Sein Appell lautete: „Lassen Sie uns den Fokus auf das Miteinander legen.“
Mit Blick auf die Lage in Nahost äußerte sich Krüger zuversichtlich. Mit Sorge betrachte er jedoch die Entwicklungen im eigenen Land, wo sich antisemitische Einstellungen und Vorfälle wieder verstärkt bemerkbar machten.
Der Ernst der Lage des alten und neuen Antisemitismus
Im Zentrum des Abends stand der Vortrag von Prof. Dr. Mirjam Wenzel, der Direktorin des Jüdisches Museum Frankfurt. Unter dem Titel „Alter und neuer Antisemitismus“ spannte sie einen weiten gesellschaftspolitischen Bogen und machte deutlich, dass Judenhass kein Randphänomen ist, sondern tief in Geschichte und Gegenwart verwurzelt bleibt.
Wenzel eröffnete ihren Vortrag mit aktuellen Zahlen der RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus), wonach sich die gemeldeten antisemitischen Vorfälle von 2025 auf 2026 verdoppelt haben. Verbale Gewalt und tätliche Angriffe nähmen kontinuierlich zu. Auch persönliche Erfahrungen flossen in ihren Vortrag ein: 2024 sei sie in Berlin während eines Vortrags über Hannah Arendt im Zusammenhang mit Aktionen der BDS-Bewegung niedergeschrien worden.
Um Antisemitismus zu verstehen, sei der Blick in die Geschichte unerlässlich, so Wenzel: Nach 1945 habe sich in Deutschland eine ambivalente Gefühlslage zwischen Schuld, Verdrängung und Abwehr herausgebildet. Heute werde oft ein „Schlussstrich“ unter die Auseinandersetzung mit der Shoa insbesondere von der Neuen Rechten gefordert.
Aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus wie Täter-Opfer-Umkehr in Debatten über Israel, linken Antizionismus mit antisemitischen Mustern sowie islamistischen Antisemitismus oder antisemitische Bildsprache im Rahmen der documenta fifteen wurden kritisch beleuchtet. Ihre klare Schlussfolgerung: Der Kampf gegen Antisemitismus erfordere deutlich höhere Investitionen in Bildung und Aufklärung.
Ein rundum gelungener Abend mit mitreißend-fröhlicher Musik
Grußworte sprachen der Kasseler Regierungspräsident Mark Weinmeister sowie Oberbürgermeister Sven Schoeller. „Für großartige Musik sorgte das charismatische Duo UkraYiddish“ (so berichtete treffend die HNA) mit Daria Fomina und Oles Amiram Volinchik, das mit großer künstlerischer Ausdruckskraft das Publikum zum Mitmachen begeisterte und ein bewegendes Zeichen für Frieden in der Ukraine und im Nahen Osten setzte.
Im Anschluss an den offiziellen Teil gab es bei Gaumenfreuden und Getränken noch viele angeregte Gespräch zwischen den Anwesenden, die sich um das Thema des Gastvortrags, aber auch um die aktuelle Lage der Jüdinnen und Juden in Kassel drehten.
Die DIG Kassel setzt mit ihrem Neujahrsempfang ein deutliches Zeichen für Dialog, Solidarität und den entschlossenen Einsatz gegen jede Form von Antisemitismus.










Text: Boris Krüger. Für die Fotos danken wir Jochen Miersch und dem Vorstand der DIG Kassel.